Weiße Zaunrübe – Bryonia alba

Eine Pflanze, die ich bisher nicht beachtet habe, wächst schnell in die Höhe und rankt sich zart schlingend um ihre Nachbarn. Ich bemühe die Pflanzenerkennungs- App. Es soll eine weiße Zaunrübe sein. Zaunrübe hört sich nach einem alten Gemüse an, dass wir in unserer Kultur möglicherweise bereits vergessen haben. Vielleicht können wir das wieder aktivieren, ähnlich wie es mit Topinambur, Giersch oder Pastinake geschieht. Schmeckt zwar alles vom Eigengeschmack nicht so richtig toll, ist aber widerstandsfähig, voll hipp und angesagt, weil es teuer auf deutschen Bio- Wochenmärkten angepriesen wird. Mit einem Rezept eines ebenso plötzlich aufstrebenden Starkochs wird den Menschen vorgegaukelt, es würde einzigartig toll schmecken und Vitamine wie kein anderes Gemüse haben und man sollte wieder die alten Sorten anbauen. Ich für meinen Teil verstehe, warum die Kartoffel Topinambur als Sättigungsbeilage verdrängt hat. Und Giersch bekommen bei uns nur die Meerschweinchen.

Zaunrübe hätten wir genug. Wir wussten bis heute nicht, wie dieses Gewächs heißt, das im Frühling an vielen Stellen im Garten sprießt, sich hochrankt, kleine Blüten hat und später hübsche Beeren. Und dass es Rüben hat! Der probierfreudige Gatte buddelt sofort ein großes Exemplar aus und ist begeistert. Was wir wohl daraus machen könnten? Suppe? Pesto? Gemüse? Salat?

Sollte ich ihn loswerden wollen, den Gatten, hätte ich ihm eine Suppe kochen können, denn die Zaunrübe ist alles andere als ein sich mit dem menschlichen Körper verträgliches Gemüse. Alle Teile an ihr sind giftig. Schon das Zerreiben von Stil oder Blättern an der Haut kann zu Reizungen und Bläschenbildung führen. Etwa der Verzehr von 10-15 Beeren reichen, um ein Kind zu töten.

Ich bin schockiert. Wir haben den Garten schon zehn Jahre immer eigene und fremde Kleinkinder hier gehabt. Was hatten wir für Glück!

Es gibt die weiße Zaunrübe, die auch schwarzbeerige Zaunrübe genannt wird und die Rotfrüchtige Zaunrübe auch rotbeerige oder Rote Zaunrübe genannt.

Die Zaunrübe kommt aus der Familie der Kürbisgewächse und ist in Mitteleuropa beheimatet. Wir haben laut unserer Pflanzenapp zwei der zwölf Arten dieser Gattung im Garten. Das sind die beiden, die am giftigsten sind. Alle anderen zehn Arten kommen gar nicht in unseren Gefilden vor. Wir haben also alles was geht – Zaunrübentechnisch.

Der botanische Name Bryonia ist auf das griechische Bryo zurückzuführen, was soviel wie sprießen bedeutet. Vermutlich, weil die Pflanze so schnell wächst. Das Artepitheton alba für die weiße Zaunrübe leitet sich vom lateinischen weiß her, was keiner weiteren Erklärung bedarf.

Unsere rankende weiße Zaunrübe.

Es handelt sich um eine winterharte Staude, die Vermehrung erfolgt über Samen im Herbst und Wurzelteilung in der Ruhezeit. Die Pflanze wird 3-4 m hoch und stirbt im Herbst dann ab. Die Blätter sind wechselständig und fünfeckig, ähnlich Weinblättern. Die Blüten sind 5-zählig , blühen weiß in etwa 1cm Durchmesser, später, etwa im Juni oder Juli kommen dann die 8 mm kleinen dunklen Beeren.

Original book source: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz1885, Gera, Germany
Permission granted to use under GFDL by Kurt Stueber
Source: www.biolib.de

Die Pflanze rankt sich spiralförmig gedreht an anderen Pflanzen entlang. Es ist die einzige Futterpflanze für die streng oligolektrischen Zaunrüben- Sandbienen. Deswegen kann ich mit ein oder zwei Pflanzen leben, denn wir wissen ja nun um die Gefahr.

Der Gatte, der schon aus meditativer Sicht, das Herumzupfen in der Erde und das Pflegen seiner Beete benötigt, fängt allerdings noch vor einer detaillierten Recherche an, alle bisher identifizierten Zaunrüben auszubuddeln. Ich stoppe ihn und möchte zumindest ein oder zwei behalten. Denn nun sind unsere Kinder groß genug, um keine unbekannten Beeren zu naschen und die Pflanze hat uns bisher optisch nicht gestört. Viele Zierpflanzen sind giftig und das ist kein Grund, sie loszuwerden.

Eine besonders große weiße Rübe, von der wir leider kein Foto haben, hat der Gatte abends auf das Lagerfeuer gelegt. Wir konnten die Kinder gerade noch davon abhalten, mit dem gleichen Stock, mit dem sie die Rübe in die Glut geschoben haben, Marshmallows zu machen.

Der Freund, der mit uns am Feuer saß und anschließend im Garten zeltete, um sein neues Zelt zu testen, hatte in dieser Nacht üble Träume und einen unruhigen Schlaf. Ob es giftige Dämpfe der verbrannten Rübe waren?

Die Weiße Zaunrübe enthält 20 verschiedene giftige Bitterstoffe, 40 Beeren führen z.B. bei einem Erwachsenen zum Tod. Die Einnahme führt zu Bauchkrämpfen und Delirium und innerhalb weniger Stunden zum Tod durch Atemlähmung. Die ganze Pflanze ist giftig, aber die Wurzel riecht angeblich so widerlich und schmeckt so bitter, dass es unwahrscheinlich ist, davon zu viel zu essen, ohne es zu bemerken.

Und nun fällt mir wieder ein Vorfall vom Vorjahr ein; wir haben in unserem Flur der Stadtwohnung öfter mal einen Eimer Topinambur hingestellt, an dem sich die Nachbarn gern bedienen konnten. Alle drei anderen Parteien im Haus haben regelmäßig Gerichte mit Topinambur gekocht. Einmal erzählte mir meine liebe Nachbarin S., dass die Suppe so bitter geschmeckt hätte, dass sie sie wegtun musste. Eine der Knollen hätte auch anders ausgesehen… Ich konnte mir das damals nicht erklären. Nun bin ich mir sicher, dass eine Zaunrübe dabei war. Die Zaunrübe ist weniger knollig als der Topinambur.

Bedenken meiner geistesgegenwärtigen Nachbarin

Ich bin froh, über den bitteren Geschmack und dass unsere Nachbarn dies überlebt haben. Man darf sich gar nicht vorstellen, was hätte passieren können! Wir werden nun noch ein wenig vorsichtiger sein mit der Auswahl des Gemüses, besonders, wenn man es verschenkt. Fahrlässige Tötung gehört nicht zu den Ereignissen, die ich im Leben brauche.

Schon allein der Umgang mit dem milchigen Saft aus Wurzel und Stängel kann Hautreizungen verursachen.

Als homöopathisches Mittel gibt es „Bryons albe“ gegen Zerrungen, Rheuma und Magenverstimmungen im Handel. Zwei Studien fanden aber keinerlei Belege für eine Wirkung. Wahrscheinlich ist die Gabe so homöopathisch gering, dass es weder schaden noch nutzen kann.

Als Arzeneidroge spielt die Zaunrübe heute keine Rolle mehr, denn obwohl ihre abführende, tumorhemnende und zellschädigende Wirkung bekannt ist, ist die toxische Wirkung zu groß. Platt gesagt: was nützt es, wenn der Krebs aufhört zu wachsen wenn die Atmung gleichzeitig versagt? Es gibt lediglich einige wenige Extrakte, die immunstabilisierend wirken und in Fertigarzeneimitteln verwendet werden.

Früher war das ganz anders. In allen Zivilisationen schien die Zaunrübe eine medizinische Rolle gespielt zu haben. Allerdings war die Krankheit, die damit behandelt wurde, immer eine andere. Die Griechen und Römer verwendeten sie gegen Gicht, Epilepsie, Schwindel, Hysterie, Wunden und Husten. Dioscutides, Arzt in der Antike, benutze sie gegen Brandwunden und Hippokrates nahm die Zaunrübe gegen Wundstarrkrampf. Ein Kräuterexperte in Südengland schworr auf die Wirkung gegen Kurzatmigkeit und Husten. In der Volksheilkunde war sie als Mittel gegen Rheuma, Stoffwechselstörungen, Lebererkrankungen, Atembeschwerden und als Brech- und Abführmittel bekannt.

Hildegard von Bingen nannte die Zaunrübe Stichwurz und bezeichnete sie als giftiges „Unkrut“, das gut sei, um Gifte zu neutralisieren und giftige Tiere fernzuhalten. Im 15. Jahrhundert sollte man sich bei Kopfschmerzen ein Stück der Wurzel unter das Kinn binden, die dadurch entstandene Brandblase lässt die Kopfschmerzen verschwinden. Ich kann dieses Vorgehen bestätigen, bei Migräne kneife ich mich manchmal in die Hände, um kurzfristig Entlastung im Kopf zu haben. Mir schwere und schmerzhaftere Verletzungen für dauerhafte Entlastung zuzufügen, auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen! Bis und 19. Jahrhundert wurde die Pflanze dann einfach mit zur Reinigung von Wunden oder als Abführmittel eingesetzt.

Der Begriff „Scheißwurz“ gibt ganz gut wieder, für was die breite Masse die Pflanze einsetzte. Angeblich wurde der Trieb des Mannes auch gemindert. Aber das ist ziemlich logisch, denn wer Durchfall hat, hat keine Kraft und Lust mehr für Sexualität. Durchfall ist auch nicht besonders attraktiv für die gegenseitige Anziehungskraft. Wer jemals in einer dünnen Strohhütte in Thailand mit seinem Magen und Darm geplagten Partner verbracht hat, weiß wovon ich spreche.

Im Mittelalter – allerdings im arabischen Raum, gab es 1065 ein Gedicht von Odo Magdunensis über gebräuchliche Heilkräuter, ein Standardwerk der Kräuterheilkunde, in dem ein ganzes Kapitel der Bryonia gewidmet ist.

„Geerntete“ Zaunrübe – eindeutig kein Topinambur

Die weiße Zaunrübe gilt gegenüber der roten Zaunrübe als giftiger. Die Rote Zaunrübe wurde in der Antike als Gemüse gekocht und galt anregend Darm und Stuhl. Auch sollte die Wurzel gegen Geisteskrankheit helfen, „sie konnte aber auch selbst den Verstand angreifen.“ In Russland gilt die Pflanze als Volksabtreibungsmittel. Starke Abführmittel werden oft als Abtreibungsmittel genutzt, aber das erscheint mir sehr gefährlich.

Einige abergläubische Rituale gibt es auch, es scheint für Abwehr und Anziehung zugleich wirksam zu sein. Ich habe die kuriosesten mal zusammengestellt:

1. Die Wurzel einer Zaunrübe im Haus aufgehängt vertreibt Hexen und Gewitter.

2. die Römer pflanzten rund um ihren Besitz die Zaunrübe, um den Besitz und ihre Tiere gegen Habichte zu schützen .

3. Eine ausgegrabene und aufbewahrte Zaunrübe verwandelt sich nach sieben Jahren in ein lebendiges Männchen, das für seinen Besitzer tätig ist. Allerdings wird der Besitzer nach weiteren sieben Jahren in den Bann des Männchens gezogen.

4. In Osteuropa steckte man sich kleine Stücke Der Wurzel in ein Amulett. Vermutlich als Glücksbringer oder zur Abwehr von Bösem.

5. Mädchen steckten sich Wurzelscheiben beim Tanzabend in die Schuhe, um attraktiver zu wirken, „ Wurz in meinem Schuh, ihr Junggesellen lauft mir zu.“.

6. Männer hingegen nähten ihrer Angebeteten ein Stück des Stängels in das Kleid, um sie für sich zu gewinnen.

Es ist mir ziemlich klar geworden, warum die Zaunrübe auch Teufelswurz genannt wird. Da wir aber nicht vor haben, in das Geschäft der medizinischen Heilkunde einzusteigen und unsere Kinder nicht mehr einfach Pflanzen im Garten naschen, dürfen einige Exemplare stehen bleiben und werden im Laufe des Gartenjahres beobachtet. Und die Zaunrüben- Sandbiene muss ja auch etwas zum überleben haben!

Mein abschließender Rat: Keine Experimente mit dieser Pflanze. Angucken reicht. Sollten dennoch aus welchen Gründen auch immer Anzeichen zu einer Vergiftung bestehen, bitte den Giftnotruf wählen und während man auf den Notarzt wartet, Erbrechen herbeiführen!

Göttingen (zuständig für Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein): 0551 192 40

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